Start-up Smart Information Systems aus Österreich arbeitet an einer E-Commerce-Suchmaschine auf Basis semantischer Webtechnologien
Das von Markus Linder gemeinsam mit den Informatikern Martin Schliefnig und Christian Weiss und der Informatikerin und Linguistin Svetlana Hollerer gegründete junge österreichische Unternehmen Smart Information Systems will bei der nächsten Generation des elektronischen Handels ein gewichtiges Wort mitreden.
“Beobachtet man die Entwicklungsgeschichte von Märkten vom Dorfmarktplatz bis zum World Wide Web, hat es immer eine Tendenz zur besseren Verzahnung von Angebot und Nachfrage gegeben”, sagt der Absolvent der Internationalen Betriebswirtschaft an der WU Wien, Markus Linder. Nun sollen semantische Webtechnologien für einen weiteren Entwicklungsschritt sorgen.
Auf Basis semantischer Webtechnologien entwickelte das Start-up eine Suchtechnologie, die langfristig in einer spezialisierten E-Commerce-Suchmaschine münden soll. Das semantische Web, in dem Daten systematisch mit Metainformationen versehen werden - wie z.B. User auf Websites Bilder verschlagworten können - soll es Computern ermöglichen, Informationen nicht nur zu verarbeiten, sondern auch in ein eigenes Bezugssystem einzuordnen und somit “verstehen” zu können.
Produktberater für den Online-Handel
Derzeit kommt diese Technologie bei den Online-Produktberatern Smart Assistant und Smart Finder zum Einsatz, mit dem u.a. die deutschen Versandhändler Quelle und Otto sowie der Druckerhersteller Konica Minolta und der deutsche Elektronikanbieter Conrad ihre Kunden im Netz beraten. “Diese Berater nehmen die Funktion von einem guten Verkäufer im Geschäft wahr”, erläutert Linder: “Sie erheben in einem interaktiven Prozess die Kundenbedürfnisse und empfehlen dann jene Produkte aus dem Sortiment, die am besten zu den Wünschen passen.”
Smart Information Systems sammelte auch im Tourismusbereich bereits einschlägige Erfahrungen. Während der Fußball-EM 2008 setzte das Unternehmen gemeinsam mit Kärnten Tourismus ein Beratungstool um, das Besucher der EM bei ihrer Reiseplanung unterstützte.
Produktdaten für das semantische Web
Voraussetzung für den reibungslosen Betrieb der intelligenten Einkaufs- und Tourismusberater ist die dstrukturierte Aufbereitung der Produktdaten. Dies lässt sich innerhalb der Datenbanken eines Online-Shops leicht bewerkstelligen. Damit aber auch der Bestand an strukturierten Daten im Netz stetig erweitert wird, arbeitet das Unternehmen zusammen mit Partnern im Rahmen des Projekts WebSemantics daran, Eintrittsbarrieren in das semantische Web für kleinere und mittlere Unternehmen abzusenken.
So hat Smart Information Systems etwa ein Plug-in für das Firmen-A-Z der Wirtschaftskammer umgesetzt, das es Unternehmen ermöglichen soll, ihre Produkte und Dienstleistungen so zu beschreiben, dass sie im Semantic-Web-Format Resource Description Framework (RDF) exportiert und von anderen Portalen aufgegriffen werden können. Zur Zeit steht das Plug-in für die Bereiche Gastronomie, Events und Hotelerie zur Verfügung.
Klarer Nutzen für Unternehmen
“Unternehmen haben einen klaren Nutzen, wenn sie ihre Daten strukturiert ins Netz stellen“, ist Linder überzeugt. So ließen sich zum Beispiel Fragen nach Urlaubswünschen mit Hilfe strukturierter Daten gut beantworten. Eine herkömmliche Suchmaschine würde lediglich Linklisten zu Hotels und Veranstaltungen ausgeben, während die Suchabfrage nach einem Hotel in einer Stadt, in der zum gewünschten Zeitpunkt klassische Konzerte und vielleicht auch Yoga-Kurse angeboten werden, mit Hilfe semantischer Technologien punktgenaue Empfehlungen liefern könne.
Arbeit an Standards
“Wir sehen Semantic-Web-Technologien als wesentlichen Entwicklungsschritt im Netz”, so Linder. Gemeinsam mit Partnern wie der Uni Innsbruck, der Universität der Bundeswehr in München, Siemens Österreich und weiteren Unternehmen bastelt Smart Information Systems im Rahmen von Forschungsprojekten auch an Standards für das “Web der Daten” (”Web of Data”).
Die so entwickelte Good-Relations-Ontologie wurde vor kurzem auch vom Suchmaschinenanbieter Yahoo aufgegriffen. “Die Strukturierung von Daten auf Basis dieses Standards führe bei den Yahoo-Sucherergebnissen bereits zu einer besseren Darstellung von Seiten im Suchergebnis”, so Linder.
Die Forschung nimmt beim Start-up eine zentrale Rolle ein. Einerseits wird dabei die Kerntechnologie der Online-Berater marktnah weiterentwickelt. Andererseits wird mit Partnern an der Infrastruktur des semantischen Webs gearbeitet.
“Durch den Austausch an Know-how kann gemeinsam sehr viel bewegt werden”, so Linder, der sich der Grenzen eines kleines Unternehmens wohl bewusst ist: “Wir sind im Infrastrukturbereich auf Partner angewiesen.”
E-Commerce-Suchmaschine
Noch in diesem Jahr wollen Linder und sein Team den Prototypen für eine semantische E-Commerce-Suchmaschine präsentieren. Diese soll webübergreifend bei der Produktsuche helfen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind strukturierte Produkt- und Dienstleistungsdaten. “Wir bauen an der Autobahn mit, auf der dann unsere Ferraris fahren”, meint Linder.
Business Angel an Bord
Das Unternehmen, das heute knapp 20 Mitarbeiter zählt, erhielt zur Gründung Unterstützung vom Businessinkubator Inits, der Absolventen von Wiener Universitäten bei der Unternehmensgründung zur Seite steht. Später stieg dann der Investor Peter Jungen bei dem Start-up ein. Er hält nun 27,6 Prozent. Der Rest befindet sich in den Händen der Gründer. “Die Verhandlungen mit dem Business Angel hätten dem Unternehmen geholfen, eine langfristige Strategie zu entwickeln”, sagt Linder: “So viele Diskussionen es damals gab, so wenige gibt es heute.”
Auch der Einstieg für weitere Investoren wird durch Linder nicht ausgeschlossen. Das sei im Moment zwar nicht erforderlich, jedoch seien die Gründer für Gespräche offen: “Die Überlegungen gehen in Richtung eines internationalen Partners, der entsprechende Kontakte mitbringt.”
Zur Internationalisierung gezwungen
Die Situation für Technologie-Start-ups in Österreich wird durch Linder nüchtern beurteilt: “In Österreich sehe man sich einem kleinen Markt mit wenig Absatzmöglichkeiten gegenüber. Das habe aber auch seine Vorteile”, so der Unternehmensgründer. “Uns hat das schnell dazu gezwungen, die Internationalisierung anzugehen.”
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